Der Pfarrsaal

Profane Gedanken

Kirche statt Pfarrheim

Weihnachten ist nun schon bald wieder drei Wochen her, doch mich beschäftigt immer noch ein Gedanke: Mein Partner hatte kurz vor Weihnachten eine Messe als Organist zu spielen, die wegen der Corona-Pandemie nicht in der Kirche stattfinden durfte (Luft-Umwälzungsanlage). Stattdessen wurde sie im Pfarrsaal gehalten. Dieser hat aber ein wenig die Anmutung eines nobleren Sportheims. Also bei weitem kein so eleganter, großzügiger Raum, wie die eigentlich eingeplante Kirche.

Die Gewohnheit fehlt

Nach der Messe erzählte mein Partner vom Verhalten der Gottesdienstbesucher, das sich in einigen Punkten wirklich sehr vom „gewohnten“ im großen Kirchenraum unterschied. Er erzählte mir, dass kaum einer beim Einzug oder Auszug des Pfarrers aufgestanden war, insgesamt die Sicherheit in den Bewegungs- und Sprechabläufen fehlte. Dafür jedoch so etwas wie Lacher in der Predigt zu hören waren; Reaktionen der Gottesdienstbesucher auf das Gesagte des zelebrierenden Pfarrers.

Ich kenne ähnliche Situationen. Einmal war ich Teil eines Gottesdienstes, der nicht in einer Kirche gefeiert wurde, sondern bei dem wir über das Gelände eines Klosters gelaufen sind. Eigentlich blieb alles gleich, nur anstatt bei den Liedern an seinem Platz zu stehen oder zu sitzen, zogen wir von einem Ort zum nächsten. Ich erinnere mich, dass allein dieser Umstand es mir beinahe unmöglich machte, zu sagen, was als nächsten folgen würde.

Stillsein und beten, statt trinken und lachen

Doch woher kommt es, dass ein einfacher Ortswechsel die so fest einstudierten Handlungsabläufe vergessen lässt und allem voran andere Reaktionen hervorruft. Im Fall des Pfarrsaals habe ich eine Vermutung:  Für gewöhnlich feiert die Gemeinde dort bei Kaffee und Kuchen muntere Feste, lacht bei Faschingseinlagen und diskutiert über die aktuellsten Pläne des Gemeinderates. Der Kontext dieses Raumes ist eigentlich profaner, weltlicher Natur. Klar, auch dort wird Gemeinschaft gefeiert, aber anders als es eine Kirche tut. Auch dort wird gesungen, aber anders, als wir in der Kirche singen. Auch dort sitzen wir – aber anders als wir das in einer Kirchenbank tun würden.

Für gewöhnlich feiert die Gemeinde dort bei Kaffee und Kuchen muntere Feste.

Für mich haben Kirchengebäude etwas ruhendes; etwas, was Sicherheit ausstrahlt, Gewohnheit und zugleich etwas Überhabenes. Schaue ich mich an, werde ich in gewisser Weise ehrfürchtig, wenn ich einen Kirchenraum betrete, senke meine Stimme, verlangsame meinen Schritt und sehe mich aufmerksam um.

Gemeinschaft trotz widriger Umstände

Doch die Situation des Pfarrsaals hat auch etwas Gutes, denke ich: Die Gemeinde traut sich in Interaktion zu treten mit dem Pfarrer. Etwas, was in einem Kirchenraum selten vorkommt. Wenn ich mir die Situation ausmale, ohne selber dabei gewesen zu sein, stelle ich mir eine lockere, gelöste Stimmung vor. Ein größeres Gemeinschaftsgefühl – trotz der Pandemie bedingten Entfernung. Gerade in dieser Zeit ein tröstliches Bild – da darf auch meiner Meinung nach das Aufstehen zum Einzug vergessen werden, solange jedem klar ist, wofür er hier ist: wegen der Gemeinschaft vor und in Christus.

Was bedeutet für dich profan?

Mit dieser Frage bin ich während meines Schaffensprozess an verschiedene Menschen herangetreten und bat sie diese Gedanken in maximal einer halben Seite vorzustellen. Vorgaben bekamen sie weiter keine. Meine Autor*innen waren also im Inhalt und der Textart völlig frei, so erhoffte ich mir die größte Vielzahl an Eindrücken und Herangehensweisen.

13 Texte verschiedenster Art und Gattung kamen so zusammen – und diese Reihe soll weitergeführt werden. Sie haben eine Meinung, einen Gedanken zum Stichwort profan? Schicken Sie mir diesen doch gerne zu.

Um die Gedankenfreiheit zu erhalten und Klischees und Schubladen mal zum Schweigen zu zwingen, sind an den Texten keine Namen oder gar Titel, Berufe, Haltung zum Glauben abgedruckt. Stattdessen findet sich nur eine Chiffre-Nummer, die am Ende des Buches aufgelöst wird.

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