Heilig, aber nicht perfekt

Maria, Josef, Jesus – (k)eine Bilderbuchfamilie

Weihnachtskrippe mit Jesus und Maria

Auch in diesem Jahr war es wieder soweit: Behutsam legte ich am Abend des 24. Dezembers das Christuskind unserer Krippe in den Stall. Mutter, Vater und das kleine Kind liegen nun in herrlicher Eintracht dort. Umringt sind sie von Schafen aus Plastik, deren freundlich dreinschauenden Hirten, einem Ochsen, einem Esel und einem wunderschönen eleganten Engel. Idyllisch scheint mir dieser Anblick, wäre da nur nicht diese defekte Lampe einer ehemaligen Märklin-Eisenbahn, die eigentlich die Szenerie in stimmungsvolles Licht tauchen sollte.

Während ich vor unserer Krippe sitze und mich über den dunklen Stall ärgere, kommt mir ein Gedanke: Diese Familie war nie perfekt. Heilig vielleicht – sicher sogar, glaube ich. Aber perfekt?

Die Google-Treffer meiner Anfrage „Alter Maria bei Geburt Jesu“ lassen beklemmende Gedanken in mir aufkommen. In den meisten Artikeln heißt es, dass Maria ungefähr zwischen 14 und 16 Jahren alt gewesen sein muss. Ist das nicht viel zu jung, um schwanger zu werden – und vor allem viel zu jung, seit dem 12. Lebensjahr mit Josef, dem Zimmermann, verlobt zu sein?

Teenie-Mutter Maria

In unseren Kreisen mag das sehr jung sein. Maria war also noch Teenagerin als sie Jesus gebar. Zusätzlich war sie seit ihrem dritten Lebensjahr von den eigenen Eltern getrennt und im Tempel groß geworden. Allein dieser Gedanke lässt mir einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Jung und beinahe völlig auf sich allein gestellt. Wie viele Nächte mag dieses Mädchen wohl aus Angst, aus Verzweiflung, aber auch aus Hilflosigkeit und Einsamkeit geweint haben? Ich möchte es mir kaum ausmalen.

Hinzu kommt, dass dieses Kind, Jesus, keinen „leiblichen“ Vater hat, sondern durch den Heiligen Geist gegeben worden ist. Wie erzählt man so etwas? „Hey, Schatz, ich muss dir mal was sagen?“ – Welche Gedanken müssen diesem Kind gekommen sein, als es begann zu verstehen, was dieses Baby für sie und die Gesellschaft bedeuten könnte? Heute gibt es für solche Fragen Beratungsstellen, das Internet, die Möglichkeit, anonym um Hilfe zu bitten. Und damals? Die Bibel erzählt, Maria vertraute auf Gott. Und Josef nach einem Traum ebenso.

Wäre das alles nicht schon belastend genug, wird genau in dieser Zeit eine Volkszählung ausgerufen. Hochschwanger und mit wenig Hab und Gut mussten sich Maria und Josef nun also zu Fuß auf den Weg nach Betlehem machen. Wo haben sie auf diesem Weg übernachtet? Ist so ein Weg nicht gefährlich? Wo gab es medizinische Hilfe?

Und dann die Geburt: in einem kalten, kratzigen Stall ohne Hilfe; kurz darauf der größte Trubel. Was ist mit dem Wochenbett? Doch all das ist ja erst der Anfang einer Geschichte!

Die trügerische „perfekte Familie“

Würde ich heute das Leben einer solchen Familie beobachten, würde ich diese mitnichten als „perfekt“ bezeichnen. In Klischees gedacht, wäre das für mich eine Familie mit Mutter, Vater und einem Wonneproppen als Kind. Die Haare des Kindes glänzend, seine Augen strahlend und immer friedlich lächelnd, während die Eltern in der saubergeleckten Designer-Wohnung die Gäste reichlich bekochen und nebenher gutes Geld im eigenen Unternehmen verdienen. Und ach ja: In der „perfekten Familie“ gibt es nie Streit. Tränen? Wenn, dann nur aus Freude. In jedem Fall aber immer ein gutes Wort zueinander.

Mir ist bewusst, dass dieses Bild reichlich überzeichnet und vor allem auch diskriminierend ist – denke man zuvorderst etwa an alleinerziehende Mütter oder andere Familienkonstellationen. Dennoch: Wer sieht nicht beim Begriff „perfekte Familie“ ein ähnliches Bild vor sich? (Ernst gemeinte Frage, die gerne in den Kommentaren beantwortet werden soll!)

Ich schaue mir noch einmal meine kleine Krippe an: Auf den ersten Blick vermitteln auch diese drei Figuren, um die sich alles versammelt, das Bild einer „perfekten Familie“: Ein zuckersüßer, sauber geputzter Junge, eine selig lächelnde Mutter Ende Zwanzig und ein stolzer, großer und schlanker Vater. Selten habe ich Abbildungen der Figuren gesehen, die dieses Bild nicht widerspiegelten.

Schwarz-weiß-Filme und Emotionen

Für mich bleiben da die Fragen: Warum eifern wir genau dieser Traumvorstellung hinterher? Warum lesen wir die Geschichte dieser kleinen, jungen Familie mit völlig verklärtem Blick und niedlichen Illustrationen unseren Kindern vor, ohne ihnen zu erklären, was das eigentlich alles hinter der Fassade heißt? Angst, Verzweiflung, Überforderung – und da bin ich mir ganz sicher: auch Streit. Diese Geschichte spielt vor 2000 Jahren, dessen bin ich mir bewusst. Aber genauso, wie sich die Menschen aus den alten schwarz-weiß-Filmen sich in Wahrheit ja doch flüssig bewegen konnten, so hatten auch die Menschen vor 2000 Jahren ähnliche Gefühle, Probleme und Ängste wie wir heute.

Mein Blick bleibt wieder am defekten Lämpchen hängen: So hell, wie ich mir das vorstelle, mag es wohl damals nicht im Stall gewesen sein, denke ich mir. Ich ziehe nun endgültig den Stecker der Krippe aus der Steckdose und lege das halbnackte Kindlein der Mutter in den Arm. So muss es wenigstens nicht mehr so sehr frieren.

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